Tagebucheintrag Saliénne
Zehn Nächte vor Wintersonnenwende
Burg Nethergarde
Wenn ich mich doch nur trauen würde, IHM zu entdecken, wie gern ich in seiner Nähe bin! Und das wäre noch das harmloseste, doch schon daran scheitere ich. Kein klarer Gedanke kommt in meinen Kopf und kein grader Satz verläßt meine Lippen in seiner Gegenwart, meine Gedanken verwirren sich und ich verliere andauernd den Faden während des Sprechens. Um so schlimmer, ist er doch eloquent wie ein Philosoph, wie peinlich und unzulänglich muß ihm mein Gestotter sein.
Bei Tage geht es, da habe ich Ablenkung und viel Arbeit, die erledigt werden will. Doch abends, nachts... da ist es schlimm. War die Einsamkeit schon vorher mein ständiger Begleiter, so ist sie hundertfach schlimmer geworden, seit sie etwas hat, auf das sie sich richten kann. Es ist kein zielloses Gefühl von etwas, das fehlt. Es ist auch nicht das komische pochende Gefühl der Leere, das Thayne hinterlassen hat... dafür ist das Sehnen viel zu stark. Ich spüre es wie ein dumpfes Ziehen im Bauch, wie ein Wegreißen der Füßen, wenn man gerade wieder sicher stand. Wie Winterwind, der dir von vorn ins Gesicht bläst und dich deiner Sicht, deines Atems und deiner Gedanken beraubt. Wie Fieber, das mich überfällt und mit einer Traurigkeit einhergeht, die zu weh tut, um nicht ein Echo in meinem Herzen zu hinterlassen.
Ich traue mich nicht und vermutlich ist es auch besser so. Eine Zurückweisung, und sei es wegen seiner Bestimmung, dem Licht zu dienen, könnte ich nicht verkraften.
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Tagebucheintrag Saliénne
Vier Nächte vor Wintersonnenwende
Burg Nethergarde
Ein Zufall war es wohl, dem ich meine heutige Aufgabe zu verdanken hatte oder vielleicht, falls derlei existiert, eine glückliche Fügung des Schicksals. Denn heute mußte ich tun, was unter uns Adepten eine der verhaßtesten Aufgaben überhaupt ist: nach Stormwind reisen und versuchen, in den dortigen Archiven bestimmte Folianten zu finden und diese unter Zuhilfenahme sämtlicher Überredungskünste für Nethergarde auszuleihen. Bekanntlich betrachten uns die Gelehrten aus Stormwind mit einem gewissen Naserümpfen und fürchten um ihre kostbaren Büchern außerhalb Stormwinds Stadtmauern. Doch ich ging beschwingt und freute mich auf die kleine Reise, war ich doch schon lange nicht mehr dort gewesen und Abwechslung ist immer willkommen in meinem grauen Alltag. Zudem habe ich noch immer guten Kontakt zu den dortigen Bibliothekaren und meist ist es kein großer Kampf, bis sie ihre Schätze herausgeben. So wußte ich, daß ich eine Menge Zeit dort haben würde, bis man mich in Nethergarde zurück erwarten würde.
So wanderte ich durch die bekannten Straßen, besuchte vertraute Plätze und traf mich auf einen Mondbeerensaft mit Kira und dann hatte ich immer noch mehr als genug Zeit. Ich spürte, wo es mich hinzog, aber einfach so dort reinzuplatzen? Was sollte er denken? Was, wenn er keine Zeit hätte und mich wieder wegschicken würde?
Mindestens eine Stunde lang hab ich mich um die Kathedrale herumgedrückt und dann bin ich schließlich doch hineingegangen. Nichts zu verlieren, dachte ich mir und zumindest hätte ich ihn kurz gesehen....Und oh: er war dort! Er hatte sogar Zeit für mich! Ich will mich hier nicht wie ein Backfisch mit den einzelnen Worten aufhalten, die er gesagt oder mit Gesten, die er gemacht hat. Wie heißt noch gleich das Wort, das man so selten benutzt und das in diesem Fall das einzig passende ist? Richtig: Perfekt! Es war perfekt... bis ich festgestellt habe, das ich die Zeit vergessen hatte und es lange nach Mitternacht war. Nicht, das ich nicht noch Stunden dort hätte sitzen können...
(unten rechts auf der Seite ist eine kleine Tintenzeichnung zu sehen, sehr klein und filigran, fast schüchtern gemalt und eher eine Skizze, denn eine naturgetreue Wiedergabe, aber die Ähnlichkeit mit einer bestimmten exotischen Blume ist nicht zu leugnen)
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Tagebucheintrag Saliénne
Drei Nächte vor Wintersonnenwende
Gasthaus Dolanaar, Teldrassil
Sie haben mich weggeschickt!
Sie sagen, es sei zuviel für mich, ich solle mich erholen und wieder zu Kräften kommen. Also habe ich Zwangspause verordnet bekommen und darf mich nicht auf Nethergarde blicken lassen. Oh, wie ich meinen schwachen Körper hasse! Wenn wenigstens mein Geist auch so schwach wäre, dann müßte ich diesen Unterschied nicht immerzu so deutlich spüren. So bin ich nun also hier in Teldrassil, dem Elfenland und wandere im Wald umher, der mir so verwunschen und verträumt erscheint, als wäre ich geradewegs in den smaragdgrünen Traum übergegangen und nicht bloß in den Wald vor Darnassus. Das Licht hier, ewig dämmrig unter den hohen Bäumen und erfüllt von Vogelgezwitscher und Blätterrauschen, lädt zum Verweilen und Nachsinnen ein, doch bin ich unruhig und kann kaum länger als zwei Minuten an einem Ort bleiben.
Meine Sehnsucht habe ich mitgenommen, genauso wie meine Zweifel und meine Unsicherheit und mit diesen drei stetigen Begleitern muß ich mich nun hier, auf mich allein gestellt, herumschlagen. Ist das dem Aufenthalt in Nethergarde vorzuziehen? Ich weiß nicht, hier ist nichts, was meinen Geist in Bewegung hält, außer meiner eigenen Gedanken und Fragen und genau davon würde ich mir doch Abstand wünschen.
Nachtrag (die Schrift ist hier viel krakeliger und die Notiz sieht aus, wie hastig hingeschmiert)
Lyron war eben da... und wie es nur Lyron schafft, hat er mich angesehen und gleich gewußt, das was nicht stimmt. Natürlich habe ich versucht, standhaft zu bleiben und für mich zu behalten, was mich umtreibt, aber konnte ich Lyron jemals etwas vormachen? Nun weiß er es und er hat mich nicht ausgelacht. Welche Erleichterung! Aber erwartungsgemäß war er der Meinung, ich solle zu ihm gehen und mit ihm reden. Er versteht einfach manchmal die Menschenangelegenheiten nicht, scheint mir, oder mache ich nur wieder Probleme, wo keine sind? Er sagt, wenn ich es nicht tue, dann wird er es tun, weil man mich zu meinem Glück zwingen muss... oh Freund, wie Recht du damit haben kannst.
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Tagebucheintrag Saliénne,
eine Nacht vor Wintersonnenwende
Burg Nethergarde
Oh, Verwirrung! Oh, Unsicherheit! Schweig, Herz voller Zweifel und sei einfach glücklich, hast du nun nicht, was du begehrtest?
Ja... und nein. Denn wenn ich bekomme, was ich mir mehr als alles andere wünsche, muß er dafür vielleicht etwas aufgeben, was ihm am Herzen lag. Kann ich fordern, das er riskiert, seine Aufgabe im Stich zu lassen für mich?
Ich sah sein Zögern gestern und ich weiß, daß er ein guter Priester ist und ein noch besserer sein will. Wäre er nicht, der er ist, würde ich ihn nicht so lieben, schätze ich...
Er sagt, er mache sich mehr Gedanken um mich und mein Glück als um das der anderen und dies sollte nicht sein, da ihm alle gleich viel bedeuten sollten. Doch kann ich verhindern, das mein Herz bei dieser Bevorzugung jubelt, auch wenn es ihn vielleicht bedrückt? Kann ich verhindern, das mein Glück nur das seine als Meßlatte kennt?
Ich sorge mich vergeblich, er muß sich ja nicht entscheiden, er kann beides haben, wenn er es nur zuläßt. Trotzdem fürchte ich mich, daß er es eines Tages bereut, "korrumpiert" worden zu sein. Dann gibt er vielleicht mir die Schuld und ich müßte einsehen, daß ich mich ihm niemals so weit hätte nähern dürfen...
Und trotz der Zweifel bin ich so glücklich, das ich singen könnte!
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Es gibt eine Fortsetzung, die am Ende ein bisschen schwächelt und daher latent auf Überarbeitung wartet.... auch sind Zeitfehler drin, die ich bei Gelegenheit mal rausnehmen muß, aber sie war im ersten Blog, sie wird auch hier sein.
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Oh, Bruder...
Tief steht die Sonne über den Marschen von Duskwallow, doch ist die Dämmerung hier zwischen den hohen Bäumen und seltsam schleimigen Gewächsen ohnehin kaum vom hellen Morgen zu unterscheiden, hier herrscht immer nebliges, feuchtes Halbdunkel.
Doch sogar hier ist der auffrischende Wind nicht zu leugnen und dunkle, bedrohliche Wolkenfetzen ziehen über den Himmel. Vermutlich wird das ein schweres Gewitter werden, doch Saliénne glaubt, dass es noch ein bisschen auf sich warten lassen wird und sie genug Zeit hat.
Dort, hinter einem kleinen Weiher (oder großen Pfütze, wie Sally abfällig bei sich denkt) muss eine weitere Seite des verlorenen Buches befinden, tief in Schlamm und Matsch vergraben und nur unter großen Mühen und viel Aufwand wieder leserlich zu machen. Diese eine Seite will sie rasch noch bergen, bevor sie ihr Tagwerk beenden und nach Theramore zurückkehren wird. Mit einem letzten zögerlichen Blick in den Himmel geht sie auf das Wasser zu, als sie direkt vor sich, doch verdeckt von Riedgras und Schilf und natürlich getarnt, den gelben Moorgeist bemerkt. Dieser ist nun ebenfalls auf die kleine Frau aufmerksam geworden und setzt sich langsam aber stetig in Bewegung. Fast automatisch beginnt sie, einen zuerst winzigen, dann größer und intensiver werdenden Feuerball zwischen ihren Fingern entstehen zu lassen und gerade, als er ihre Hände in Richtung des Moorgeistes verlässt, wird sie gewahr, dass direkt unter dem Geist, im Schlamm verborgen, ein Moorlord lauert, der bedrohliche Herr des kleineren Geistes. Sie realisiert augenblicklich das sie die Situation fatal unterschätzt hat. Die Eisrüstung ist nicht aktiviert und die Hälfte ihres Manas war für das Wasser draufgegangen, das sie gerade vorher gezaubert hatte. Doch unverdrossen feuert sie einen zweiten Feuerball auf den Geist, der ihn jedoch weder stoppen noch verlangsamen kann. Sobald der Lord und sein Diener in Reichweite sind, beschwört Saliénne eine Frostnova, um sie beide aufzuhalten und etwas Abstand zu gewinnen.
Doch was ist das?
Zwar bleibt der kleine Geist in dem blau-silbernen Eisring gefangen, der Lord jedoch kommt unverdrossen weiter auf sie zu. Erste Tropfen fallen durch die dichten Blätter der Bäume und hastig gewirkte arkanen Geschosse erhellen für einen Moment das Moor. Der Diener stirbt durch den letzten Flammenstoß, den ihr Mana hergibt, da hat der Lord die zurückweichende Magierin erreicht.
Sein erster Schlag macht sie benommen und unterbricht den Feuerzauber, den sie gerade wider besseren Wissens versuchen wollte, der zweite wirft sie hintenüber in das nasse Gras, wobei sie hart mit dem Kopf aufschlägt. Ihre Sinne beginnen zu schwinden und krampfhaft versucht sie, sich auf den Moorlord zu konzentrieren, als sie merkt, das sich der große grüne Geist wie durch ein Wunder von ihr abgewandt hat, in die entgegen gesetzte Richtung schwebend, aus der er heftig mit Feuerbällen attackiert wird. Als er bemerkt, dass er diesem Angriff nicht gewachsen ist, wendet er sich zur Flucht, zurück in den kleinen Tümpel, doch mächtige arkane Geschosse strecken ihn hinterrücks nieder.
Benommen und leicht verwirrt setzt Saliénne sich auf und versucht, die Situation in der Dunkelheit und dem nun heftiger fallenden Regen zu überblicken. Ein Blitz zuckte vom pechschwarzen Himmel und zeigt ihr für einen kurzen Moment einen dicken bärtigen Mann, mit langen zotteligen Haaren, die unter einer abgetragenen grauen Kapuze herausschauen. Hinter ihm steht ein zweiter, viel jünger, schlank und hoch gewachsen, mit kurzen dunklen Haaren. Der Dicke reicht Sally eine seiner mächtigen Pranken und sie ergreift sie, noch immer leicht benommen und lässt sich aufhelfen. Der Bärtige grinst selbstzufrieden und linst dann in den prasselnden Regen. „So, jetzt aber raus hier, bevor meine alten Knochen noch nasser werden.“ Und mit einer Handbewegung in Richtung der Straße machen sich der dicke Alte und sein junger Begleiter auf in Richtung der Straße nach Theramore.
Saliénne besinnt sich einen Moment und läuft dann hinter den kleinen Weiher, kniet sich nach einem kurzen Zögern resigniert in den Schlamm und beginnt zu graben. Bald hat sie das tropfende Pergament gefunden, steckt es in eine ihrer überfüllten Taschen und läuft dann ebenfalls in Richtung der Straße.
Der Bärtige und der Jüngling haben sich unter einen Felsvorsprung geflüchtet und versuchen dort, so gut es eben geht, Schutz vor dem Sturm und den Wassermassen zu finden. Saliénne läuft zu ihnen rüber und stellt sich ebenfalls unter.
Die beiden Männer diskutieren über ihren weiteren Weg, offensichtlich hatten sie gehofft, noch vor Sturmeinbruch nach Theramore zu gelangen und mit dem Schiff nach Menethil weiterreisen zu können. Nun beschließen sie, die Nacht in Theramore zu verbringen und die Reise am nächsten Morgen fortzusetzen. Saliénne steht etwas abseits und mustert die beiden neugierig: der Ältere scheint die 60 weit überschritten zu haben, doch wirkt er trotz seiner gewaltigen Körperfülle flink und beweglich. Sein Mantel ist von unauffälligem Grau und keinerlei Kennzeichen verraten seine Zugehörigkeit zu einer der Magierschulen. Er stützt sich schwer auf seinen gewaltigen Stab, aber seine Augen funkeln selbst in der Dunkelheit. Bei näherer Betrachtung des Jungen überkommt Saliénne ein merkwürdig vertrautes Gefühl, dass sie aber nicht einzuordnen vermag. Der Junge sitzt stumm unter dem Vorsprung, auch er fast vollständig von einem abgenutzten Mantel verborgen, aber seine blauen Augen blicken dann und wann wachsam und neugierig zu ihr herüber und bisweilen glaubt sie, im Licht der zuckenden Blitze einen Ring an seiner Hand blitzen zu sehen, der ihr ebenfalls bekannt vorkommt.
Nach einer Weile klart der Himmel auf, der Sturm legt sich zu einem starken Lüftchen und die Gewitterwolken ziehen weiter. Die unfreiwillige Reisegruppe macht sich gemeinsam, doch schweigsam auf den Weg. Vor den Stadttoren verabschiedet sich Saliénne, dankt ihren Begleitern noch mal und geht, um die gesammelten Seiten abzuliefern. Dann fällt sie todmüde in ihrem Gasthauszimmer ins Bett, gerade schafft sie es noch, die nassen Roben aufzuhängen und schläft fast augenblicklich ein.
Am nächsten Morgen erwacht Saliénne gerädert mit müden Knochen und einem Kratzen im Hals, nichtsdestotrotz hungrig. Schnurstracks begibt sie sich hinunter in die Gaststube und dort, am einzigen Tisch mit freien Sitzplätzen, sitzen die beiden Weggefährten von gestern Abend. Mit einem Lächeln und einem kurzen Nicken setzt sie sich zu ihnen und bestellt ihr Frühstück.
„So Magierin, da seid ihr wieder,“ dröhnt der Ältere und nickt ihr ebenfalls zu. „Habt ihr den Schrecken überwunden? Für meinen jungen Schüler war eure Dummheit gestern im Moor jedenfalls eine gute Lektion,“ feixt er.
Der Bärtige schaut einen Moment ins Leere, fährt sich mit der Hand über den krausen Bart und fährt dann fort: „Doch verzeiht, wo bleiben meine Manieren? Meister Hemstone werde ich genannt.“ Mit diesen Worten streckt er der verdutzten Frau seine riesige Hand hin. Sie ergreift sie und stellt sich nun gleichfalls vor: „Saliénne ist mein Name, derzeit im Dienst der Akademie von Stormwind.“
„Hört, hört,“ poltert der Alte „Eine Studierte!“ und grinst spöttisch. Doch seine Worte gehen vollständig im Gepolter des Stuhls unter, das sein Schüler verursacht. Denn bei Nennung ihres Namens ist er aufgesprungen und reißt dabei nicht nur seinen Stuhl um, sondern auch der hinter ihm stehenden Kellnerin das Tablett aus der Hand, was alles in allem einen ziemlichen Lärm und Aufruhr verursacht, denn natürlich zetert die Kellnerin sofort los und diverse Gäste mischen sich ebenfalls ein. Fassungslos steht der Junge inmitten des Trubels und starrt die schwarzhaarige Frau vor sich an, während seine Lippen wieder und wieder tonlos ihren Namen wiederholen.
Meister Hemstone stellt den Stuhl wieder auf und nach einigen beruhigenden Worten und dem zähneknirschenden Versprechen, für Schäden aufzukommen, greift er behutsam nach dem Arm des Jungen. „Ruhig Blut, Sheldrick, was soll denn solches Benehmen, kostet mich noch ein Vermögen, setz dich hin wenn kein Dämon in dich gefahren ist.“ Dieser Satz geht aber ebenfalls in Getöse unter, diesmal verursacht von Saliénnes Becher, der klappernd umfällt und seinen Inhalt über den ganzen Tisch ergießt. Fassungslos starrt sie den Jungen an und erblickt erneut den Ring an seiner Hand, da dämmert auch ihr, wen sie vor sich hat.
Flankiert von einer Gruppe Paladine in klirrender Rüstung setzte sich der Wagen, beladen mit zwölf Jungen im Alter zwischen neun und fünfzehn rumpelnd in Bewegung. Sheldrick und sein Bruder Sawyer waren die letzten, die zu Hause abgeholt und auf den Karren gehievt worden waren und nun zog der Treck langsam in Richtung eines der zahlreichen Außenlager von Lordaeron.
Sheldrick verbarg seine eigene Angst vor dem Ungewissen so gut er konnte und versuchte seinem Bruder, der schluchzend in seinem Schoß lag, mit leisen Worten Trost zu spenden. Sawyer litt unter der plötzlichen Trennung von seiner Mutter und seiner Schwester, hatte aber keine genaue Vorstellung davon, was sie erwarten würde, war er doch gerade elf Jahre alt. Der 15-jährige Sheldrick hingegen hatte die Situation gut erfasst und wusste genau, dass noch schlimmeres auf sie zukommen würde, als nur die Trennung vom Elternhaus, doch sagte er davon nichts, um den Kleinen nicht noch mehr zu beunruhigen.
Der Tag wurde heiß und auf der staubigen Straße bekamen die Jungen schnell Hunger und vor allem Durst, doch stellten sich die Paladine taub und überhörten alle Klagen und Bitten. Viele auf dem Wagen weinten, einige saßen mit gesenkten Köpfen schweigend vor sich hinbrütend da. Sheldrick erkannte einige ehemalige Spielgefährten, doch war von der alten Unbeschwertheit nichts mehr zu. Angst und Ungewissheit lag wie eine Glocke über dem Wagen und verhinderte jedes Gespräch unter den Jungen.
Als sie endlich am Spätnachmittag den Außenposten erreicht hatten, wurden die Jungen vom Wagen gescheucht und in Zweierreihen vor einem Zelt aufgestellt. Ein Gehilfe lief die Reihen hastig und unachtsam die Reihen auf und ab und teilte Wasser mit einer Trinkkelle aus. Weitere Wagen tragen ein und auch die Neuankömmlinge wurden eingereiht, Paladine, Offiziere und einfache Soldaten liefen zwischen den Zeltreihen geschäftig auf und ab, von Ferne war das Gewieher einiger Pferde zu hören und beladene Handkarren wurden herumgefahren, um die Gruppe Jungs aber kümmerte sich niemand.
Endlich trat einer aus dem Zelt und taxierte einen nach dem anderen schweigend. Nach Kriterien, die nur er kannte, teilte er sie mit knappen Worten in zwei Gruppen auf und Sheldrick konnte nicht verhindern, dass Sawyer von ihm getrennt wurde. Er sah, wie ein großer blonder Krieger zur Gruppe seines Bruders trat, allesamt die Schwächsten und Kleinsten, sie mit knappen Worten begrüßte und fortführte. Bald war Sawyer aus seinem Blickfeld verschwunden und Sheldrick hoffte, der Kleine würde wenigstens nicht mehr weinen, um nicht den Zorn der Soldaten heraufzubeschwören. Doch blieb ihm wenig Zeit, sich Sorgen um seinen Bruder zu machen, denn schon wurde auch seine Gruppe weggeführt, zu einer provisorischen Rüstkammer, wo sich ein alter und offensichtlich desinteressierter Paladin mit der Katalogisierung von Rüstungszubehör und Waffen beschäftigte. Unbeteiligt verteilt er nach einem flüchtigen Blick an jeden der Jungen einen Helm, einen Brustpanzer und Stiefel an diejenigen, die barfuss waren, was der Großteil war. Schließlich drückte er jedem ein Schwert in die Hand und entließ die Jungen mit einer ungeduldigen Handbewegung. Schlurfend in seinen zu großen Stiefeln, das schartige Schwert unbeholfen vor sich hertragend, folgte Sheldrick seiner Gruppe zur Feldküche, wo es endlich eine Mahlzeit gab.
Wenige Tage und unzählige langweilige Übungsstunden später brach schon beim Morgengrauen Hektik im Lager aus und Sheldrick konnte vor dem Zelt die Krieger in ihren rasselnden Rüstungen hin- und herlaufen hören, sich gegenseitig Befehle und Neuigkeiten zubrüllend und mit ihren Waffen klappernd. Er kann Trompeten hören und von fern kann er Trommeln schlagen hören.
Müde und zerschlagen setzte er sich in seinem Bett auf und lauschte. Noch immer hatte er Sawyer nicht wieder gesehen und die Sorge um seinen Bruder, aber auch sein Heimweh und das ängstliche Weinen der anderen Jungs, hatten ihn nicht schlafen lassen. Die Trommeln können nur eines bedeuten: die Schlacht wird beginnen. Sheldrick vermutete aufgrund dessen, was ihm in den letzten Tagen gesagt worden war und noch mehr aufgrund dessen, was er zufällig aufgeschnappt hatte, dass er und seine Kameraden für den Kampf in der Ausfalltruppe vorgesehen waren. Als Kanonenfutter, dachte Sheldrick bitter. Er war entschlossen, sich nicht in diesem Kampf, von dem er nicht viel verstand und vor dem Angst hatte, verheizen zu lassen, komme was da wolle. Und so strafft er seinen ganzen Körper, richtet sich auf und reckt das Kinn vor, das Schwert mit festem Griff vor sich haltend, und wartet auf den Abmarsch.
Kurz darauf wurden die Jungen von einigen Soldaten in Reih und Glied befohlen und die Gruppe setzte sich in Bewegung. Während des Marsches wurden letzte Instruktionen erteilt, doch hörten die meisten Jungen ohnehin kaum zu, zu sehr beschäftigt mit ihrer eigenen Furcht. Sheldrick hielt verzweifelt Ausschau nach Sawyer, doch zu seiner großen Erleichterung konnte er ihn nirgends entdecken und er hoffte, dass dem Kleinen die Schlacht erspart bleiben möge. Sie wanderten eine Weile über braunfleckige Wiesen und durch kaputte und ausgeholzte Wälder, einige der Jungen schluchzten leise, doch Sheldrick hielt sein Schwert so fest, das die Fingerknöchel weiß hervortraten und reckt trotzig das Kinn vor. Vor, hinter und neben den Jungs reiten und laufen verschiedene andere Einheiten, Infanterie mit glänzenden Helmen und Wappen auf den polierten Schilden, die Lanzen hoch aufragend wie ein merkwürdiger silberner Wald. Paladine auf schnaubenden, metallgerüsteten Rössern und Bogenschützen, flink und wendig in geschmeidiger Lederrüstung. Stetig zog die Schar am Waldrand entlang den lauter und lauter werdenden Trommeln und dem Getöse des Feindes entgegen.
Schon dröhnte der Lärm des Feindes so laut, das die Rüstungen der Jungen leise vibrierten. Einige von ihnen waren bleich vor Schreck und nur die gebrüllten Befehle der Älteren trieben sie zitternd voran. Hinter einer Wegbiegung dann brach es wie eine Lawine von dem darüber liegenden Hohlweg auf sie herunter. Eine ganze Legion merkwürdiger Knochenmänner, ein paar fahle, magere und ungesund aussehende Typen in Roben und dicke, blaue, wabernde Dämonen fielen wie aus dem Himmel und überrannten die Schar Allianzler. In dem Getümmel konnte Sheldrick kaum mehr wahrnehmen als seinen eigenen Kampf um Leben und Tod. Undeutlich sah er zwei ehemalige Spielgefährten neben sich zu Boden zu gehen, tödlich getroffen von den Kämpfern der Geißel, doch blieb ihm keine Zeit, nach ihnen zu sehen, denn nun stand er selber einem großen, gruselig aussehenden Krieger gegenüber, der drohend Schwert und Schild hob.
Von plötzlichem Zorn gepackt und im sicheren Glauben, ohnehin vor dem eigenen Ende zu stehen, stürzte Sheldrick ohne nachzudenken auf den Krieger und hieb mit dem Schwert auf seine Beine ein. Erstaunt von der Wucht des plötzlichen Angriffs auf seine ungeschützten Kniescheiben, schaffte Sheldrick es tatsächlich, dem Krieger ein knochiges Bein zu brechen. Überrascht stand er einen Moment da und stürzte sich dann wutentbrannt, doch humpelnd auf den Jungen, der fassungslos über die eigene Kraft sein Schwert hatte sinken lassen. Nun wurde es wirklich eng für Sheldrick, er duckte sich und lief rückwärts, bis seine Flucht von einem Busch in seinem Rücken gebremst wurde. Ein Zittern durchlief seinen Körper, er hob hilflos die Hände und spürte ein vertrautes Gefühl in der Magengegend und ein Kribbeln in den Fingerspitzen. Der Skelettkrieger ging schreiend in Flammen auf. Sheldrick stand dort und sah zu, wie der Krieger lodernd zu Boden ging, schrecklich fasziniert von dem, was sich seinen Augen bot. Doch noch während er fiel, hob der Krieger sein Schild und ließ es auf Sheldrick krachen, er traf ihn hart und schwer getroffen fiel Sheldrick in die Hecke hinter ihm, ohnmächtig von dichtem Grün verschlungen.
Wie lang lief er nun schon? Er wusste es nicht. Er wusste nur, das er fort wollte, weg von den Schlachtfeldern, weg von diesen komischen Soldaten, von den Lagern und von Schwertern, die man putzen und tragen und benutzen musste. Er lief bei Nacht, bei Tage suchte er sich einen Unterschlupf und schlief. Das konnte alles sein, eine moosige Mulde im Wald, eine geschützte Ecke neben der Straße oder eine leere Scheune.
Und wohin lief er? Er wusste auch das nicht. Zwar trieb ihn die Suche nach seiner Familie, aber er wusste nicht, wie er suchen sollte, ohne vielleicht wieder von den Kriegern gefunden zu werden. So hatte er vorerst kein anderes Ziel, als Entfernung zwischen sich und Lordaeron zu bringen und etwas Zeit verstreichen zu lassen. Sheldrick erreichte Southshore und dort erfuhr er, dass es Flüchtlingstrecks gegeben hatte, lange Reihen hoch beladener Wagen die aus Richtung Lordaeron südlich zogen. Ein Dorfbewohner erzählte ihm von zwei Frauen, die dabei gewesen waren, die sich beständig gestritten hatten und deren Beschreibung gut auf seine Mutter und Schwester passte. Doch wusste niemand, wohin die beiden gegangen waren, sie schienen einfach eines Tages nicht mehr da gewesen zu sein.
Sheldrick setzte sich auf die Stufen des Rathauses, holte einen Apfel aus der Tasche und während er ihn bedächtig mit seinem Hemd polierte, bedachte er seine Möglichkeiten. Er war bereits zuhause gewesen, nur das es kein „zuhause“ mehr gab, nur noch rauchende, schwelende Trümmer und verlassene Felder. Außerdem hatte er den Treck verpasst und keine Ahnung, wohin er nun gehen sollte. Geschweige denn, dass er zu Fuß eine Möglichkeit gehabt hätte, sie einzuholen. Er könnte versuchen, Sawyer zu finden, doch hieße das, zurück nach Lordaeron zu gehen und das wollte er gern noch ein bisschen vermeiden. Er konnte selber kaum fassen, dass sie ihn in der Hecke einfach übersehen hatten. Vielleicht hatten sie ihn auch für tot gehalten, jedenfalls war das Schlachtfeld zwar schrecklich anzusehen, als er aufwachte, doch von lebendigen Seelen verlassen. Streng genommen hatte er Fahnenflucht begangen, auch wenn er natürlich gar nichts dafür konnte, dass er vergessen worden war. Aber er sollte natürlich nach dem Aufwachen nicht einfach vom Schlachtfeld spazieren, sondern zurück zu seiner Kompanie gehen. Nein, das kam vorerst nicht in Frage, beschloss Sheldrick. Er dachte erneut über seinen Kampf mit dem Krieger der Geißel nach. Warum war er plötzlich in Flammen aufgegangen? Wieso wurde er das Gefühl nicht los, dass er das verursacht hatte, auch wenn er nicht wusste, wie beim Licht das zugegangen sein konnte. War er denn etwa der Verursacher des Feuers? Das war natürlich Quatsch, Feuer machte man mit Feuerstein und Zunder und Holz, nicht Knochen und Metall. Das wusste doch jedes Kind. Andererseits war es nicht das erste Mal, das so etwas vorkam, erinnerte Sheldrick sich mit Unbehagen. Und hatte er nicht mal seine Schwester über merkwürdige Brände sprechen hören?
Während er noch versuchte, sich zu erinnern, hielt direkt vor dem Rathaus ein klappriger Wagen, dem ein alter, dicker Mann entstieg. Seinen massigen Körper verhüllte er mit einem grauen abgetragenen Mantel und sein Pony, das den Wagen zog, war auch nicht mehr das Jüngste, geschweige denn das Schlankste. „He da, du!“ Er zeigte mit einem Finger auf Sheldrick und winkte ihn dann zu sich. „Spann mein Pferd ab und gib ihm zu trinken... und besorg ihm Heu... los los, spute dich!“ Mit diesen Worten warf er dem völlig verdutzten Sheldrick achtlos ein paar kleine Münzen zu und stapfte schwerfällig schnaufend an ihm vorbei ins Rathaus.
Sheldrick besah sich misstrauisch die Münzen in seiner Hand und zuckte dann die Schultern. Münzen hießen eine Mahlzeit, eine gut erledigte Aufgabe zog vielleicht noch mehr Münzen nach sich und damit mehr Mahlzeiten. Das fand Sheldrick erstrebenswert. Mit geübten Handgriffen spannte er das dicke Pony ab, gab ihm an der Tränke zu trinken und führte ihn dann zurück zum Rathaus, wo er es am Wagen anband. Er besorgte etwas Heu und setzte sich dann wieder auf Stufen. Als der bärtige Alte das Rathaus verließ, lief er schnellen Schrittes und würdigte Sheldrick keines Blickes. Er begann, das friedlich fressende Pony wieder vor den Wagen zu spannen und war schon fast fertig, als Sheldrick endlich einen Entschluss gefasst hatte: „Sir? Entschuldigung, Sir?“ Unwirsch drehte sich der Alte nach der zaghaften Stimme um und knurrte unverständliches. „Darf ich mitfahren, bitte, ein Stück?“ „Warum willst du mitfahren? Weißt gar nicht, wohin die Fahrt geht, Junge.“ Sheldrick sackte einen Moment in sich zusammen, doch fasste er sich gleich wieder und sagte: „Ich könnte helfen, ich kann mich um das Pony kümmern. Und Feuer machen und Sachen tragen und.... ja, das kann ich alles machen.“ Der Dicke mustert den Jungen vor sich mit zusammengekniffenen Augenbrauen, dann setzt er eine leicht amüsierte Miene auf, als hätte er plötzlich verstanden. „Bist übrig geblieben, hm? Gut, was soll es, komm mit.“ Er deutete mit einer knappen Handbewegung auf den Wagen und befestigte dann weiter die Zügel. Sobald er fertig war, schwang er sich erstaunlich flink auf den Wagen, Sheldrick nahm neben ihm Platz und es ging in zügigem Tempo los.
Saliénne und Sheldrick sitzen in Theramore in der Taverne und grinsen. Sie grinsen sich beide von einem Ohr zu anderen an und manchmal seufzt einer von ihnen. Sheldrick hat soeben seinen Bericht beendet. Nachdem sich der erste Schreck gelegt hatte und sich die Geschwister in die Arme gefallen waren, haben sie gleich angefangen, einander nach dem wie, wo, warum und wieso der letzten Wochen zu fragen. Die Mittagszeit ist weit überschritten und es geht auf die Teezeit zu, als sie endlich fertig sind, sich gegenseitig zu erzählen, wo sie gewesen sind und wie sie es geschafft haben, beide noch am Leben zu sein. Meister Hemstone hat sie zwischenzeitlich verlassen, ist dann wiedergekommen und döst nun betrunken in einer Ecke, er hat die Zeit für ein frühes Bierfrühstück genutzt. Ist es zu fassen, dass sie sich anfangs nicht erkannt haben? Nein, es ist so offensichtlich. Diese Geste mit der Hand an die Stirn, wie um eine Falte auf der Nasenwurzel zu glätten, das Schulterstraffen wenn sie aus Nachdenklichkeit erwachen, das Wegstreichen eines imaginären Staubkorns von der Robe und nicht zuletzt die wirren, schwarzen Haaren. Und doch wäre Saliénne ungerührt an ihm vorbeigelaufen, hätte ihn vermutlich in derselben Sekunde wieder vergessen und ihr Leben weitergelebt, nicht wissend, das er direkt neben ihr gestanden hatte. So gesehen war sie heilfroh, dass ihr das Mana ausgegangen war...
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... ist eine schlimme Sünde, hörte ich. Aber ich erliege ihr ja nur zu gerne. Im letzten Blog gab es die ersten zwei Geschichten zu meinem Hauptchar auf WOW zu lesen und weil sie gefielen, kommen sie hier wieder hin. Ich sags ja, die Eitelkeit
Hier die Charstory:
Neben der Tür ist ein kleines, unauffälliges Messingschild angebracht, dort steht: „Saliénne Songshine“ und darunter, etwas kleiner „Kräuter und Magie“. Die Tür selbst ist eine von unzähligen in einem der Gebäude der Magierakademie zu Stormwind.
„Hm? Was... wer...?“ Verwirrt schaut die kleine, schwarzhaarige Magierin von dem staubigen und an den Rändern leicht schlammigen Manuskript auf, als es an der Tür klopft. Sie steht auf, streckt sich zur ganzen zierlichen Größe von 1,70cm, zupft die schwarze Silberfaden-Robe zurecht und öffnet die Tür.
„Oh.. ihr seid das...“, sie lächelt und tritt einen Schritt zur Seite, um den Besucher einzulassen. Die Tür öffnet sich und gibt den Blick auf einen kleinen, zellenartigen Raum frei. Ein kleines Fensterchen wirft staubiges Tageslicht hinein.
Es offenbart sich ein einziges Durcheinander: Bücher und Manuskripte liegen gestapelt oder aufgeschlagen herum, einige Teller, Tassen und Flaschen lassen auf lange Nächte und einen sprunghaften Geist schließen, der hier sehr beschäftigt war, diverse Tinkturen brodeln und schäumen in komplizierten Apparaten, gesäumt von Phiolen, Trichtern und Messlöffeln und dekoriert wird dieses Drunter und drüber noch mit einigen liebevoll im Raum verteilten Kleidungsstücken. Unter der Zimmerdecke hängen bündelweise Kräuter und Pflanzen zum Trocken, dazwischen haben einige Spinnen die zahlreichen Chancen genutzt, hier eine sichere und vermutlich dauerhafte Heimstatt zu finden. Auf einem bedrohlich hohen Bücherstapel sitzt eine kleine, silbergraue Katze und schaut den Besucher misstrauisch an, bevor sie fauchend unter einem Stuhl verschwindet.
„Beachtet Streuner gar nicht,“ Saliénne deutet auf die Katze und beginnt dann, hektisch und etwas planlos, einen der Stühle von seiner Last zu befreien, um dem Gast einen Stuhl anzubieten. Derweil tropfen munter dicke grüne Farbkleckse von der gerade benutzten Feder auf die Manuskriptseite...
„So, ihr habt also mein Arbeitszimmer gefunden.... noch wesentlich erstaunlicher: ihr habt mich darin gefunden....“. Saliénne deutet mit einer fahrigen, umfassenden Handbewegung auf das Wirrwarr, lächelt schelmisch und macht es sich wieder hinter dem Schreibtisch gemütlich. Die Farbkleckse auf dem bisher jungfräulichen Papier quittiert sie mit einem verwirrten Stirnrunzeln und wendet dann ihre gesamte Aufmerksamkeit wieder dem Besucher zu.
„Und ihr seid wirklich hier, um mehr von mir zu erfahren?“ Sie scheint aufrichtig verblüfft, doch geschmeichelt zu sein. Sie mustert ihren Gast vergnügt aus wachen, graublauen Augen und dann und wann zappelt sie ein bisschen auf ihrem Stuhl herum.
„Nun denn, wo fange ich denn an.....?“ Saliénne überlegt einen Moment, holt dann tief Luft und beginnt zu erzählen:
„Ich wurde in der Gegend um Lordaeron geboren. Meine Eltern waren Bauern und den Herren von Lordaeron treue Vasallen. Unsere Parzelle lag sehr einsam, hinter dem kleinen Stachelwäldchen... ach ja, das gibt es ja nicht mehr, ihr werdet es nicht kennen.“ Sie schweigt einen Moment und schluckt.
„Doch weil die Zeiten für Leute wie uns damals wie heute hart waren, mussten meine beiden kleineren Brüder, Sheldrick und Sawyer, und ich eigentlich immer schon helfen. Es war nicht viel Zeit für Kinder, würde ich sagen. Wir waren halt da und mussten „mitlaufen“ so gut wir konnten. Rückblickend glaube ich nicht, dass unsere Eltern nicht geliebt haben, aber sie hatten immer so schwer zu arbeiten und so wenig Zeit und.... naja.“ Saliénnes Stimme wird leiser und sie wischt sich hektisch über die Augen. Doch bald strafft sie wieder die Schultern und fährt fort:
„Meine Eltern hatten selbst nie eine Schule von innen gesehen und mein Vater pflegte zu sagen „Auf em Feld hat ma dat Lesen noch nie jeholfen, jeschweige denn det Schreiben – sowat ist Unsinn für de Reichen!“. Nun, wir waren jedenfalls keine reichen Leute und deswegen besuchten wir auch keine Schule, sondern gingen täglich mit den Eltern und Nachbarn aufs Feld hinaus oder verrichteten sonst eine von tausend kleinen Arbeiten, die täglich auf so einem Hof anfallen. Da gibt es zum Beispiel......“ sie holt tief Luft und macht Anstalten, eine lange Liste von Dingen aufzuzählen, die dort zu tun sind, aber dann überlegt sie es sich nach einem Blick auf den Besucher doch anders und winkt lächelnd ab.
„Äh... ich will euch nicht langweilen.... wie dem auch sei. Nun ja, aber es gab drei Bücher bei uns zu Hause. Ich weiß nicht, woher sie kamen oder wer sie je gelesen hätte, aber eins davon hatte eine Menge schöner Bilder von Pflanzen. Viele von den Pflanzen habe ich später draußen wieder gefunden, wusste aber natürlich keinen Namen oder was man damit macht. Das hat mich fast rasend gemacht: etwas zu kennen, zu wissen, wo ich mehr erfahren könnte, aber nicht ranzukommen!
Meine Großmutter hatte mir das eine oder andere über die Wirkungsweise von diesem und jenem Kraut erzählt, aber in dem Buch waren so viele.... Also wollte ich unbedingt in die Dorfschule gehen, lesen und womöglich schreiben lernen und .... ich weiß nicht, die Welt kennen lernen? Das klingt total doof, wenn bloß von der Dorfschule ein paar Kilometer weit weg die Rede ist, aber mir kam es damals so vor. Doch mein Vater blieb unerbittlich und ließ mich nicht zur Schule gehen, egal wie sehr ich darum bat. Er sagte, Mutter brauche mich im Haus und er könne nicht auf mich verzichten. Ich glaube, er hätte Sheldrick und Sawyer gehen lassen, aber für ein Mädchen hielt er es einfach nicht für nötig.“ Saliénne rollt die Augen andeutungsweise Richtung Zimmerdecke und grummelt leise vor sich hin. „Ja, bevor ihr fragt: ich kann kochen, ziemlich gut sogar, wenn ich das bemerken darf, aber ich hasse es! Ich hasse es einfach! Und ich tus nicht! Ich kann mir mein Essen zaubern, da kaufe ich höchstens noch Bier... Schluss mit der elenden Kocherei.“ Sally ist aufgesprungen und läuft ein paar Schritte in den Raum, besinnt sich dann und setzt sich wieder auf ihren Stuhl. Sie lächelt entschuldigend, atmet tief durch und fährt dann fort:
„Als ich etwa zehn Jahre alt war, hatte ich mit Sheldrick eines Abends einen schlimmen Streit. Ich weiß nicht mehr, worum es ging, irgendeine Kinderei vermutlich, bedenkt man unser Alter. Obwohl ich zwei Jahre älter war, war er mir damals in Kraft und Wendigkeit überlegen. Wir rauften und prügelten uns auf dem Hof und meine Wut über meine Schwäche wuchs und wuchs. Mir wurde immer heißer und auch Sheldrick fing an zu schwitzen, doch ich dachte, das käme von der Prügelei. Und dann bemerkten wir, das der Heuhaufen neben uns brannte... seit dem Tag passierte es öfters, wenn ich wirklich wütend oder manchmal auch traurig war, das Dinge um mich herum auf unerklärliche Weise in Brand gerieten. Bald bemerkte ich, das da immer vorher dieses Ziehen in der Magengegend und das Kribbeln in den Fingerspitzen waren, aber es hat noch ziemlich lange gedauert, bis ich wusste, das ich das Feuer gemacht hatte.“
Saliénne lacht bei der Erinnerung leise und lässt kleine Funken aus den Fingerspitzen entstehen, die sich zu einem kleinen Feuerball formieren, den sie sich über die Hand springen lässt, bevor er mit einem kaum hörbaren „Zisch“ wieder im Nichts verschwindet.
„Bedenkt, ich hatte niemals einen Magier gesehen. Oder überhaupt mit Magie zu tun. Unser Hof lag einigermaßen abgeschieden, wir haben fast nie andere Leute als die Nachbarn gesehen und die waren ganz gewiss nicht magisch. Damals wanderte noch nicht alles mögliche Volk durch die Lande. Meine Mutter jedenfalls guckte so erschrocken, als ich ihr davon erzählte, dass ich es lieber gleich gelassen habe. So wurde eben nicht darüber gesprochen und jeder tat so, als wäre nichts. Meine Mutter warf mir zwar immer wieder diese Blicke zu, wenn es irgendwo brannte, aber ich tat einfach, als wäre ich es nicht gewesen. Übrigens war ich auch es auch wirklich nicht immer! Damals hatte ich wirklich Angst, dass ich vielleicht von einem Dämon besessen bin oder so....“
Saliénne seufzt leise und eine steile Falte bildet sich über ihrer Nasenwurzel. Ihre Stimme klingt angespannt als sie fortfährt:
„Dann brach der Krieg aus.... ach, was sag ich, die verfluchte Geißel fiel in die Lande ein... zuerst starben die Leute an einer komischen Krankheit, wir beerdigten sie alle, alle... tagelang, wochenlang, in fast jedem Haus wurde um irgendjemanden getrauert und täglich trafen neue Schreckensnachrichten ein. Und kurz darauf mussten wir mit ansehen, wie sie wieder aufstanden, um als etwas neues, anderes und schreckliches durch die Lande zu ziehen. Habt ihr schon mal ein Heer von untoten Dienern gesehen? Es ist der grauenhafteste Anblick, den ich mir vorstellen kann.“ Sie schluckt und ballt die Fäuste im Schoß.
„Mein Vater fiel ihnen als erstes zum Opfer. Nicht, weil er ein Kämpfer gewesen wäre, oder ein Krieger oder beseelt von Rache oder was-weiß-ich. Nein, er ging aufs Feld, er wollte sehen ob noch Essbares zu retten wäre und war dort zufällig, als ein kleinerer Trupp Infizierter an ihm vorbeizog. Vielleicht stand er ihnen im Weg oder sie mochten sein Gesicht nicht oder sonst etwas – jedenfalls wurde er... nun, infiziert. Als wir ihn fanden....“ Saliénne’ s Stimme erstirbt in einem Seufzen und ihr Blick scheint vollständig in die Vergangenheit gerichtet, wandert dort über die Landschaft von grauer Erinnerung und blutroten Schrecken. Sie wendet sich wieder ihrem Besucher zu, strafft die Schultern und lächelt: „Davon lasst mich schweigen, ich denke, ihr wisst, was ich sagen will. Diese Geschichten sind alt und zu häufig passiert in den schlimmen Zeiten.“
Wieder ballt sie die Hände kurz zu Fäusten: „Nun, einige Tage oder vielleicht auch Wochen später kam eine Gruppe Paladine auf unseren Hof geritten und sie verlangten die Herausgabe von allen, die in der Lage und Willens seien, ein Schwert zu halten und im Namen des Lichts gegen die Diener der Geißel zu erheben. Natürlich meinten sie meine beiden Brüder, obwohl noch keiner von beiden in einem Alter war, in dem man kämpfen sollte. Als ich mich freiwillig meldete, haben sie mich ausgelacht und sagten: „Wir werden bestimmt kein kleines Mädchen mitnehmen, bleib du bei deiner Mutter und lern kochen, damit hilfst du den Soldaten mehr, die für euch ihr Leben riskieren“. In diesem Moment lief ein brennendes Huhn über den Hof. Als sie weitermachten und der eine mir sogar in die Backen kniff, ging der Heuhaufen vor der Scheune in Flammen auf und wenig später zwei oder drei Zaunlatten. Wären sie noch länger geblieben, vermutlich hätte ich vor unkontrollierter Wut unser ganzes Haus abgebrannt... aber es half nichts, weder mein Protest noch das Weinen meiner Mutter: beide Brüder wurden auf einen Karren verfrachtet und weggebracht. Sheldrick habe ich inzwischen wieder gefunden, aber was aus Sawyer wurde... ich weiß ich nicht.“
Unglücklich schüttelt die kleine Magierin den Kopf, bevor sie fortfährt: „Nun, meine Mutter und ich mussten ziemlich bald fliehen.... die Gegend war einfach zu unsicher. Mit dem zweiten Flüchtingstreck sind wir in die Gegend um Southshore gekommen. Dort hatte meine Mutter ein kleines Häuschen aufgetrieben, wo sie nun einen Neuanfang machen wollte. Um mich versorgt zu wissen, meinte meine Mama, es wäre das einzig vernünftige, mich zu verheiraten. Sie lud den einen oder anderen, die wir schon von damals kannten, zum Essen ein und dachte wohl, sie habe das ganz geschickt arrangiert und es sehe wie ein Zufall aus. Aber so leicht kann sie mich nicht hinter das Licht führen! Ich wusste, worauf sie hinauswollte und war fest entschlossen, das nicht zu dulden. Ich wollte mir die Welt anschauen und andere Völker und Sprachen und Kontinente entdecken... hätte ich den erstbesten Bauernlümmel geheiratet, ich wär niemals von den Schweinen und Kühen weggekommen.“ Saliénne schaut ihren Gast so vorwurfsvoll an, als hätte er persönlich Mitschuld an den verqueren Ideen ihrer Mutter. Doch ihre Miene wird gleich darauf wieder sanft und ihre Züge glätten sich mit einem kleinen Lächeln, bevor sie fortfährt: „Also sprang ich aus dem Fenster – nachts natürlich – und lief, so weit ich konnte. Die Richtung war mir egal, das Ziel auch... ich sprang und lief einfach. Weiter hatte ich nicht gedacht. Ich hatte mir keinen Plan zurechtgelegt und hatte auch kein Geld oder Wertgegenstände. Einzig ein kleines Messer von meinem Vater hatte ich dabei.“
Saliénne steht auf und runzelt die Stirn. „Hab ich wieder meine Manieren vergessen und noch nicht mal was angeboten?“ Sie schlägt sich vor die Stirn und lächelt freundlich. „Habt ihr Durst? Oh gut, ich auch...“ Zwischen ihren Händen, die sie mit den Handflächen einander zugewandt vor den Körper streckt, entsteht zuerst ein helles Licht und darin, ganz langsam, zwei Krüge Wasser. Der Lichtschein verschwindet und Saliénne hält ihrem Gast grinsend den Krug entgegen. Sie nimmt einen kurzen Schluck und fährt im Plauderton fort:
„Aus heutiger Sicht eigentlich der reine Selbstmord....Nun... da saß ich also im Wald, mit nichts und versuchte, mir klar darüber zu werden, was ich sein und werden wollte... und dann fiel mir die Feuersache wieder ein. Ich übte ein bisschen in der Nähe eines kleinen Sees (damit es nicht so gefährlich war) und versuchte, die Kraft, die ich in mein Feuer legen konnte, zu kontrollieren oder besser noch: zu lenken. Das erwies sich als nahezu unlösbar, denn ich hatte keine Ahnung, was das war, noch wie man damit umging, geschweige denn wie das Endergebnis aussehen sollte. Zudem hatte ich gar keine Ahnung, wie ich vorgehen sollte und mir fehlte auch jegliche Anleitung – kurzum: es war eine Katastrophe! Entweder ich brachte gar kein Feuer zustande, oder es wurde viel zuviel. Bisweilen, wenn ich Feuer machen wollte, kam Eis heraus oder so komische leuchtende Geschosse, die in alle Richtungen flogen... Ich wanderte einige Zeit herum und stieß irgendwann auf die Abtei Northshire. Die Brüder dort gewährten mir Schlafplatz und regelmäßige Mahlzeiten, wenn ich kleinere Dinge für sie erledigte, Feuerholz holen, Abschriften tätigen, Botengänge... halt so dies und das. Abschriften waren mir das liebste, denn dabei konnte ich dem Bruder, der mit dem Verwalten der Bücher und Kopien betraut war, ne Menge Fragen stellen und lernte nebenher lesen und schreiben. Und übrigens auch Bibliotheken schätzen. Aber besser noch als das war der magiekundige Pater, den ich schon bald fand und der mir viel über die Magie und dergleichen erzählt hat. Er half mir, die Kraft zu kanalisieren und in geordneten Bahnen laufen zu lassen...und meistens klappt es auch ganz gut.“
Sie grinst frech und schaut dann mit einem verwirrten Stirnrunzeln auf den dicken grünen See, der auf dem Pergament neben ihr entstanden ist. Sie scheint einen Moment angestrengt nachzudenken, wie das passieren konnte und dann sieht man ihrer Miene das innerliche Schulterzucken beinahe an.
„Im Prinzip wars das... meine Leidenschaft für die Blumen, Kräuter und Gemüse dieser Welt habe ich ja mittlerweile zum Beruf gemacht, wie ihr wisst. Die Magier in der Akademie schaffen es zwar so langsam, mir jede Liebe zu den Büchern auszutreiben, aber vielleicht bleibt ja ein Rest übrig. Und mit der Wanderei habe ich im Prinzip nicht mehr aufgehört seitdem. Es gefällt mir. Jedenfalls brauche ich kein Haus oder sonst was festes. Mir reicht, was ich in den Taschen tragen kann. Und das hier.....“ Sie deutet auf das kleine Verlies und das Chaos darin „Das brauche ich nur zum arbeiten.“ Sally kichert leise, steht dann auf und schenkt dem Gast ihr liebenswürdigstes Lächeln: „Aber nun, entschuldigt mich bitte.... ich habe leider keine Zeit mehr, ich treffe noch Freunde.“ Sie öffnet die Tür, geleitet ihren Gast zuerst hinaus und folgt ihm. Streuner schafft es gerade eben noch, hinter seinem Frauchen herzulaufen, bevor sich die Tür schließt.
... war ich nicht wirklich eingeloggt (gestern ganz kurz, aber ohne Antrieb). Krank gefühlt, nicht genug Energie gehabt und sowieso auch keine Zeit, musste mich ja hier mit dieser blöden Software-Umstellung herumärgern.
ABER: mir fehlt auch sonst interessanterweise die Lust. Kann mich nicht aufraffen. Sehr merkwürdig. Hab ichs jetzt endgültig über? Wir werden sehen...